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08. 03. 2006
Zwischen Freiheit und Strenge
Das Ensemble „Ronin“ um Nik Bärtsch präsentiert seine neue CD in Zürich und geht danach auf Tournee.
Von Thomas Meyer
Repetierte Muster, klarheit und zuweilen karg, die dennoch sinnlich schwingen. Manchmal hat man das Gefühl, dass diese Musik völlig entspannt sei, quasi zum Chillen, und dann merkt man, dass sie gerade daraus ihre Spannung und ihren Groove aufbaut. Die Mischung machts aus beim Ensemble Ronin, wobei gleich anzufügen ist, dass es sich nicht um eine blossen Mix handelt. Die Elemente werden so verwoben, dass ihre Herkunft nicht mehr dominiert. Man könnte vom Einfluss der Minimal Music oder des Jazz sprechen. Strawinsky, Funk und Prince stehen ebenfalls auf der Ahnenliste, aber um solche Reminiszenzen geht es dieser Musik höchstens indirekt. Sie ist universeller und dadurch weniger leicht deutbar.
„Ritual Groove Music“ hiess die erste CD, die der Zürcher Komponist und Pianist Nik Bärtsch mit dem Ensemble Mobile vor fünf Jahren herausgab. Die Strenge des Rituals, die Freiheit des Groove schwingen beide mit. Sie sind gewissermassen zwei Grundpfeiler der musikalischen Konzeption. Denken wir an ein Mobile von Alexander Calder, das bei freier Drehung doch eine Statik besitzt; denken wir an die Ronin, jene herrenlosen Samurai, die für ihre Freiheit den Preis eines harten Lebens bezahlten.
Bei aller Improvisation sind Bärtschs Kompositionen genau gestaltet. Asketisch wirken die Titel: „Modul 36“ heisst das Eingangsstück auf der neusten CD, und mit Nummern geht es weiter. Bewusst setze er keine Titel, weil man dadurch Wegweiser vorgebe. Eine Zahl sei hingegen wertfrei. Allenfalls erzählen die Nummern über Zeitpunkt der Arbeit. Die Module aus der 30er-Serie etwa sind alle in Japan entstanden, wo Bärtsch dank einem Werkjahr der Stadt Zürich sechs Monate leben konnte. Japan interessiert ihn sehr. Seit einigen Jahren erlernt er die Technik des Kampfsports Aikido – eine ständige Einübung. Und „Zen Funk“ nennt sich denn auch der Stil seiner Musik– nochmals so eine Verbindung des scheinbar Gegensätzlichen.
Der Name „Modul“ weist aber auch auf die Bauweise der Stücke hin, denn sie entwickeln ihre Dramaturgien weniger narrativ, sondern setzen Bausteine nebeneinander, wie man es von Igor Strawinsky und Morton Feldman kennt. Diese Stücke sind klar geformt. „Der Geist, dieser wilde Affe, wie man sagt, muss gesteuert werden“, sagt Nik Bärtsch. In der Auseinandersetzung mit dem Material wird die Form ausgearbeitet. Dabei soll ein Erinnerungsraum entstehen, in dem sich der Intellekt (auch jener des Hörers) sozusagen traumwandlerisch bewegt. Mit diesen Modulen gehen die Musiker in den beiden Ensembles selbstverständlich und spielerisch um. Die Musik sei gleichsam ein Slang, den sie beherrschten, sagt Nik Bärtsch. Das geschehe aber nicht auf akademische Weise, dahinter stecke immer eine musikalische Haltung. „Das belebt die Musik enorm. Deshalb arbeiten wir auch schon so lange zusammen.“
Im Kollektiv werden die Stücke erarbeitet und diskutiert. Das Ensemble Ronin geht dabei freier, Mobile hingegen strukturierter und klassischer vor. „Modul heisst ja auch, dass die Stücke auf verschiedene Kontexte adaptierbar sind.“ Diese „Familien“ sind von grosser Bedeutung: Bei Mobile wirkt der Marimbafonist Mats Eser, bei Ronin der Bassist Björn Meyer und der Perkussionist Andi Pupato mit – und in beiden Ensembles der junge Klarinettist Sha und der Drummer Kaspar Rast, mit dem Bärtsch schon von Kind auf zusammen musiziert. Im Bazillusclub treffen sich die Musiker jeweils montags zu offenen Workshops und Konzerten, um an der Ritual Groove Music zu arbeiten.
Sorgfalt und Konzentration
Diese Musik hat ihre Heimat im urbanen Zürich. Bärtsch möchte, dass sie eine Dringlichkeit hat, dass sie wahrgenommen wird. Aufmerksam verfolgt er, was vom Publikum zurückkommt. Man müsse sehr sorgfältig vorgehen. „Sorgfalt“ ist überhaupt ein Wort, dem im Gespräch mit Nik Bärtsch häufig begegnet. „Wenn du zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort bist, nützt das niemandem etwas.“ Der Weg wird mit Bedacht geplant. Und gegenwärtig geht es nun auf eine Tournee mit der neuen Ronin-CD bei ECM. Die Arbeit sei eine Herausforderung gewesen, denn bei diesem Label und ihrem Spiritus Rector Manfred Eicher fänden sich „eine Präzision und Konsequenz, die der unseren verwandt sind.“ Diese Konzentration schätzten die Musiker auch, als sie vor zehn Monaten ihre neue Platte in der Provence aufnahmen. „In den drei Tagen habe ich mehr gelernt als in zwei Jahren zuvor.“