| nik bärtsch press | Programmzeitung Basel |
01. 11. 2004
Trommelfell | Jazz-Ereignisse: Nik Bärtsch und Arte-Quartett
Dass man sich an einem Ort zugleich fremd und wohl fühlen kann, durfte Nik Bärtsch (geb. 1971) während seines sechsmonatigen Aufenthalts in Japan, den er sich mit dem Werkjahr der Stadt Zürich finanzierte, in immer wieder neuen Konstellationen erfahren. Die asiatische Destination hat Bärtsch mit Bedacht gewählt. Seine Faszination für Fernöstliches geht auf Akira Kurosawas Film ‹Ran› zurück, den er mit 14 Jahren zum ersten Mal sah. Später liess er sich von seiner Mutter in die Zen-Meditation einführen. Wer nun in Bärtsch, der in Zürich am Konservatorium Klavier und an der Uni ein paar Semester Philosophie studiert hat, einen esoterischen Zivilisationsflüchtling vermutet, täuscht sich, dafür ist er ein viel zu ironischer und wendiger Denker. Überhaupt sollte man den japanischen Einfluss nicht überbewerten: Strawinsky, Morton Feldman, Steve Reich und James Brown standen bei der Entwicklung von Bärtschs ‹Ritual Groove Music› ebenso Pate. Auf die Frage, was ihm in Japan am meisten gefehlt habe, meint er: «Die Community, also in erster Linie meine engen musikalischen Weggefährten. Für mich ist es unabdingbar, meine Musik über einen längeren Zeitraum mit festen Bands entwickeln zu können.»
Diese Bands sind die akustische Formation ‹Mobile› und die elektrifizierte Combo ‹Ronin› (so hiessen im alten Japan die herrenlosen Samurai). Bärtschs Musik basiert auf Modulen, d.h. auf «klar auskomponierten musikalischen Bausteinen, die je nach Kompetenz der aktuellen InterpretInnen belebt werden können». Ein solches Modul bildet die Basis für das im klassischen Sinne durchkomponierte ‹Modul-Ritual›, das Bärtsch in Japan im Auftrag des Basler Arte-Saxofonquartetts geschaffen hat. In dem Werk werden polymetrisch-funkige Beats mit sakralartigen Choralpassagen kombiniert; die Besetzung besteht aus vier Saxofonisten, zwei Perkussionisten und Bärtsch an Klavier und Elektro-Piano.
Beim Komponieren lässt sich Bärtsch am Anfang von Intuition und somnambulem Intellekt leiten. Danach gehe es darum, das musikalische Material zu befragen. Mit Debussy ist er der Überzeugung, dass jedes Stück ein System habe, das sich allerdings erst im Laufe des Schaffensprozesses offenbare. Komponieren ist für ihn wie Essen und Trinken zu einem gleichermassen normalen und essenziellen Bestandteil seines Alltags geworden. Ein zentrales Gestaltungsmittel ist für ihn die Reduktion, die er als «Alternative zu Erzähldrang, assoziativer Beliebigkeit oder Glaube an Qualität durch Komplexität» sieht.
Tom Gsteiger