Süddeutsche Zeitung 08.10.2010
Kalter Groove - Nik Bärtschs 'Ronin' im Ampere
München - Am Mittwoch im Ampere konnte man es wieder erleben: Der Schweizer Pianist Nik Bärtsch und seine Band Ronin sind der schlagendste Beweis, dass nahezu melodiefreie Musik schön klingen kann. Gleich im ersten 'Modul', wie er seine einfach durchnummerierten Stück-Konstruktionen nennt, kommt Bärtsch minutenlang mit einem Akkord aus. Trotzdem geht das Ganze nach kürzester Zeit ab wie die Feuerwehr. Wie funktioniert das?
Indem Bärtsch den im Großen extremen Minimalismus im Kleinen opulent konterkariert. Die Harmoniefragmente werden vor allem vom Holzbläser Sha (unter anderem mit einer Monster-Bassklarinette) und vom Perkussionisten Andi Pupato mit allerlei Klangfarben angestrichen; vor allem aber streuen die fünf unentwegt unzählige kleine Partikel und Variationen in den eigentlich trägen Grundrhythmus ein. Was dann wie ein mutiplizierter Fore- und Afterbeat wirkt - und eben diesen mörderischen Groove erzeugt. Ronin ist eine Perkussionsmaschine, die mal Kontemplation, mal Ekstase anregt. Im Vergleich zu den kargen Vorgängern mag das neue Album 'Llyría' geradezu schwelgerisch klingen. Trotzdem strahlt diese grandiose Musik nach wie vor oft die Kälte einer Stahlklinge aus. Vielleicht deswegen scheint sie nur noch einen elitären Zirkel zu erwärmen: Als man vor vier Jahren erstmals in München spielte, war das noch in der großen Muffathalle. OLIVER HOCHKEPPEL