| nik bärtsch press | Die Zeit | 23. 09. 2004

Ekstase durch Askese

Von Ulrich Stock

Wiederholung und Variation sind so ausgereizte kompositorische Mittel, welche "neue" Musik könnten sie noch hervorbringen? Die Frage mag stellen, wer das Quartett von Nik Bärtsch noch nicht gehört hat. Mit Klavier, Bassgitarre, Schlagzeug und Perkussion geht es auf die Bühne. Erste Überraschung: Die Jazzbesetzung spielt Funk. Zweite Überraschung: Der Funk steht auf der Stelle. Die spielen immer dasselbe! Ein Motiv Mal um Mal um Mal... Dritte Überraschung: Die spielen doch nicht immer dasselbe; es verändert sich, aber so minimal... Nach einer Viertelstunde hat die Sache einen Namen: Steve Reich trifft James Brown. Aber dann - vierte Überraschung - kann man auch schon kaum noch stillsitzen: Die Extremitäten fangen an zu zucken, und es braucht nicht lange, da zappelt der ganze Saal wie letztens beim Jazzfestival in Schaffhausen.

Schaffhausen liegt in der Schweiz, und eben diesem Wunderland feinmechanischer Präzision entstammt Nik Bärtsch. "Ekstase durch Askese" nennt er seine Idee, "Zen-Funk" das Resultat. Schublade auf, Schublade zu. Doch die fünfte Überraschung ist: Obwohl die Musik kein Geheimnis enthält, obwohl ihr Prinzip sich rasch mitteilt, obwohl sie eben zappeln macht, baut sie eine wachsende, lustvolle, geradezu schmerzende Spannung auf, bis einem der Kopf platzt und das Hirn himmelwärts davonfliegt. So ähnlich muss dieser Tantrasex sein, von dem die Illustrierten seit Jahrzehnten schreiben! Was an dieser Assoziation stimmt, ist das Körperliche. Hier wird viel wiederholt und wenig variiert, aber alles hat Hand und Fuß. Jede Tonschleife spielen die Musiker selbst. Kein Computer, kein Sampler nimmt ihnen Arbeit ab. Der Bandleader erzählt, er habe lange nach einem Perkussionisten suchen müssen, der bereit ist, zwanzig Minuten lang immer nur "ping" zu spielen und nicht einmal "pingping". Wenn der schließlich irgendwann so ersehnt wie völlig überraschend doch "ping-ping" spielt - ist der Effekt umwerfend. Bärtsch, 33, verfeinert seine Ästhetik manueller Repetition seit Jahren, solo am Piano und in verschiedenen Formationen. Daher gibt es bereits ein halbes Dutzend CDs mit seinen "Modulen". Sein jüngstes Album Rea (zu beziehen über www.nikbaertsch.com) bringt das Paradox aufs Schönste zum Klingen: Je starrer das Gerüst, desto stärker die Bewegung.


Vgl.Platte des Jahres Nr. 6 in: die Zeit online vom 04.11.2004