| nik bärtsch press | Der Bund |
09. 03. 2006
AUF NEUEN WEGEN
Von Georg Modestin
Sieben Jahre ist es her, dass der Saxofonist, Klarinettist, Komponist, Bandleader und Organisator Don Li – damals noch unter dem Namen Don Pfäffli – auf dem eigenen Hauslabel Tonus-Music die CD «Gen» veröffentlichte, den mit ganzen sechsundzwanzigeinhalb Minuten recht kurzen Auftakt zu einem Phänomen, das rein musikalische Kategorien sprengt. Bei Tonus geht es um mehr als um einen «Stil»: Die «europäische Minimal Groove Music», wie es im eigenen Katalog heisst, die ganz auf die subtile Dialektik zwischen unbeirrbar anmutender Repetition und sich unmerklich einschleichender Variation setzt, hat sich zu einer in der Musikszene singulären Erscheinung entwickelt, die einen eigenen ästhetischen Ansatz mit einem eigenen visuellen Programm, eigenen Sozial- und Organisationsformen verbindet. Tonus ist ebenso Musik wie ein Pool von Gleichgesinnten, welche die diffizilen, höchste Präzision verlangenden Partituren umzusetzen bereit sind, die kaum individuelle Spielräume zulassen.
Als der wohl produktivste Mitstreiter Don Lis kristallisierte sich der 1971 in Zürich geborene Pianist und Komponist Nik Bärtsch heraus, der über Jazz und klassischen Piano-Unterricht zum angesprochenen Ansatz gefunden hatte und bereits auf dem 1999 erschienenen Erstling «Gen» mit von der Partie war. Heute, sieben Jahre später, legt er mit dem Album «Stoa» (Phonag) sein Debüt auf dem renommierten Münchner Label ECM vor, das ihm eine ganz andere Aufmerksamkeit sichert als die auf einen vergleichsweise engen Kenner- bzw. Fankreis beschränkten Tonus-Music-Produktionen. Damit passiert mit Tonus, was früher oder später jeder «revolutionären» Gruppe zustösst: Sie teilt sich. Wohin die zunehmende Ausdifferenzierung führen wird, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt unabsehbar, bleibt aber eine spannende Frage.
Im Hinblick auf «Stoa» hat Bärtsch mit dem zwischen Bass und Bassklarinette wechselnden Sha, dem Bassisten Björn Meyer (auch er ein «Gen»-Veteran), dem Schlagzeuger Kaspar Rast und dem Perkussionisten Andi Pupato seine Working-Band Ronin ins Studio geführt, die in ähnlicher Zusammensetzung auch auf seinen letzten Tonus-Alben zu hören war. Wie gehabt tragen seine Kompositionen Modulnummern anstatt Titel, wobei Bärtsch inzwischen die Zahl von dreissig Modulen überschritten hat. Auch in seiner Ästhetik bleibt er sich treu, doch scheint die Variation gegenüber der Repetition an Boden zu gewinnen: Schlaufen werden kürzer, einzelne Module bestehen aus unterschiedlichen Sequenzen, starre Abläufe wirken lockerer. Kurz: Die Dinge gehen ihren Weg. (gmn)