| nik bärtsch press | Basler Zeitung | 13. 01. 2004

Selten kamen sich die Künste so nahe: Thesen über «Reduktion» in Musik und bildender Kunst

Was von der Musik übrig bleibt, wenn die Töne wegfallen

Von Sigfried Schibli

Auf die Frage, wie sich die Geschichte der Künste und Ideen wohl entwickelt, gibt es eine einfache Antwort: als Pendelschlag von Komplexität und Vereinfachung. Zum Beispiel im Übergang von der barocken Polyphonie zur satztechnisch schlichteren Musik der Empfindsamkeit. Im Wechsel vom immer mehr auf die Spitze getriebenen malerischen Naturalismus zur Abstraktion. In der Befreiung vom personenreichen realistischen Roman durch die Short Story. Oder in der Absage an die überkomplexe serielle Musik durch die Zufallsmusik eines John Cage.



Allzu einfach vielleicht, dieses Pendelschlag-Bild. Und doch drängt es sich einem auf, wenn man das Buch des Musikforschers und Kritikers Peter Niklas Wilson mit dem Titel «Reduktion. Zur Aktualität einer musikalischen Strategie» zur Hand nimmt - ein Buch über die Musik der Gegenwart, über Strömungen, die man auch als «Minimal Music» oder repetitive Musik bezeichnet hat, aber auch ein Buch über einzelne Stilrichtungen hinaus. Wilson wendet sich der Gegenwart zu, um ihre Geschichte mitzuschreiben. Er will den Begriff der Reduktion als Sammelbegriff für unterschiedliche, aber verwandte künstlerische Phänomene einführen.

Unter Reduktion versteht Wilson «ästhetische Strategien der Verringerung musikalischer Komplexität» - über die amerikanische Minimal Music hinaus. Wenn er diesen Trend bis auf Erik Satie und damit auf den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückdatiert, will er damit die Errungenschaften von Steve Reich, Terry Riley, Phil Glass oder John Adams vom Ruf befreien, sie seien flüchtige Erscheinungen des späten 20. Jahrhunderts in Nordamerika.

Es geht um Fragen, die sich Künstler immer wieder stellen. Stellvertretend für viele fragt der Hamburger Komponist Michael Maierhof: «Muss ein Komponist in einer komplexen Welt noch Komplexität erzeugen?» Und der Schweizer Jazzmusiker Nik Bärtsch führt aus: «Die Frage ist immer wieder: Was ist wichtig, was ist ‹wesentlich›? Einfältige Einfachheit ist spannungslos - intelligente Einfachheit ist die Spannung zwischen Selbstvergessenheit und ironisch-blitzendem Intellekt.»


Musik und Malerei

Erkenntnis resultiert oft aus der Feststellung von Verwandtschaften, mit denen man nicht rechnete: etwa zwischen dem seriellen Komponisten und Stockhausen-Vorläufer Karel Goeyvaerts und John Cage, in gewissem Sinn Begründer der neueren Reduktionsmusik. Oder zwischen Giacinto Scelsi, der die Klangereignisse mit äusserster Sparsamkeit disponierte, und der grossen Sinfonik von Bruckner oder Mahler. Nicht alles, was nach klanglicher Askese tönt, ist auch reduktionistisch. Wilson pointiert: «Scelsi war Ausdrucksmusiker: Reduktion als Strategie, nicht als Ziel.» Selten kamen sich in der Geschichte der Künste Musik und Malerei so nahe wie in der «Minimal Art» der amerikanischen fünfziger, sechziger Jahre, in der monochromen Malerei und der Musik von Cage oder Morton Feldman. Es gab enge biografische Bezüge zwischen Malern und Musikern, etwa in der Zusammenarbeit von Phil Glass mit Richard Serra, Sol LeWitt und Donald Judd.

«Die ganze Intelligentsija der New Yorker Avantgarde» soll zugegen gewesen sein, als La Monte Young 1960/61 im Atelier von Yoko Ono Konzerte mit minimalistischer Musik veranstaltete. Die bahnbrechende Erkenntnis, dass auch Ideen allein Kunstwerke sein können, formulierte der Maler Sol LeWitt («Nicht alle Ideen müssen physisch verwirklicht werden»), doch wurde sie sofort auf die Musik übertragen. Es war denn auch die New Yorker Kunst- und nicht die Musikszene, die der frühen Minimal Music zum Durchbruch verhalf - keine Rede von der durch Nietzsche in die Geisteswelt gebrachten «Verspätung» der Musik.


Kargheit und Pathos

Die wenigsten Maler und Musiker ordnen sich gern der Idee der Reduktion oder des Minimierens unter - streben sie doch fast alle danach, opulente Bilder und reiche, gesättigte Klänge zu schaffen. Auch für Wilson geht es nicht um die «Verarmung» der Klänge, sondern um die Perspektive, um den Blickwechsel, um eine Neudefinition des Begriffs «musikalisches Ereignis». Und um den uralten Wunsch der Musiker, das Sukzessive der Musikwahrnehmung zu überwinden. Darin sieht er entscheidende Unterschiede zwischen zwei prominenten Minimal-Komponisten: Während Phil Glass durch unablässige Repetition einen ganz gegenwärtigen Klang suche, halte Steve Reich an der «strikten Gerichtetheit der Klangereignisse», am «Vorher» und «Nachher» fest. Aus beiden, bedauert Wilson, seien schon Mitte der siebziger Jahre «Maximalisten» geworden, die sich eben jenen Clichés der westlichen Musik anschmiegten, die sie einst bekämpften. Dagegen steht Musik wie die des Uruguayaners Coriún Aharonián, die bisweilen extrem reduktionistisch, nie aber gefällig ist; der Komponist selbst spricht von «Essenzialisierung» der Struktur.

So wie Atheisten bisweilen die glühendsten religiösen Fanatiker sind, erweisen sich Verfechter der Kargheit nicht selten als flammende Pathetiker. Mehr noch als für die bildenden Künstler gilt das für die Reduktionisten unter den Musikern. Auch Wilson verhehlt bei aller Liebe zum Analytischen seine Leidenschaft für Reduktionen aller Art nicht. «Reduktion führt zur Feier des Jetzt», schreibt er im Tonfall der Lebensphilosophie; «der Klangraum wird zur akustischen Kathedrale eines säkularen Zeitalters.»

Tragische Ironie: Der Musikschriftsteller (und BaZ-Jazzkritiker) Wilson erfuhr die radikalste aller Reduktionen selbst. Am 26. Oktober letzten Jahres ist er kurz nach Erscheinen seines höchst anregenden Buches, das damit zu seinem Vermächtnis geworden ist, erst 46-jährig gestorben.

Peter Niklas Wilson: «Reduktion. Zur Aktualität einer musikalischen Strategie». Schott, Mainz 2003, 140 S. mit CD, ca. Fr. 39.-.

Musiker, Maler, Ideenkünstler. Der Komponist John Cage stand in enger Verbindung zur malerischen «Minimal Art» und hinterliess zahlreiche grafische Arbeiten. Hier in einer Zürcher Ausstellung in den 90er Jahren. Foto Stauss/Keystone