| nik bärtsch press | Neue Zürcher Zeitung |
09. 03. 2006
Gelassenheit im Grossstadt-Groove
Das Album «Stoa» des Schweizer Jazzpianisten Nik Bärtsch
Der Zürcher Pianist Nik Bärtsch pflegt einen originären Stil, der Einflüsse aus Jazz, Funk und Minimal Music in einer polyrhythmischen Musik zusammenbringt. Mit seinem Quintett Ronin hat er nun bei ECM «Stoa», ein neues, faszinierendes Album herausgebracht.
Musiker seiner Generation kennen vieles, können einiges und spielen so allerlei. Aufgewachsen mit der Polystilistik von Jazz und Pop, an Jazzschulen oder Konservatorien in verschiedensten Sparten trainiert, kultivieren sie die ihnen zugefallene Vielseitigkeit als ästhetisches Programm. Auch Nik Bärtsch bewegte sich lange in verschiedenen Traditionen zwischen Klassik und Jazz. Beeinflusst aber von Funk und Minimal Music, inspiriert überdies durch ostasiatische Weisheiten, konzentriert sich der 35-jährige Zürcher Pianist unterdessen ganz auf auf einen originären Stil, den er als «Ritual Groove Music» bzw. «Zenfunk» bezeichnet.
Mit seinen Weggefährten des Quintetts Ronin hat Bärtsch jetzt ein neues Album beim bedeutenden Münchner Label ECM herausbringen können: «Stoa». Bei Ronin lässt sich der Bandleader am Piano durch das lakonisch pointierte Schlagzeugspiel Kaspar Rasts begleiten; die beiden spielen seit der Kindheit zusammen und haben dabei eine gegenseitige Empathie für die Mikro-Phrasierung entwickelt. Mit von der Partie sind ausserdem der junge, mit Elan und harscher Power aufspielende Bassklarinettist Sha sowie Björn Meyer am E-Bass und Andi Pupato an der Perkussion.
Zenfunk
Auf «Stoa» sind Anklänge an Jazz und Funk ebenso wenig zu überhören wie Einflüsse aus der Minimal Music. Was aber heisst hier «minimal»? Wer an Reduktion denkt, an Verfahren des Verknappens, findet diese zwar in den groove-orientierten, hypnotischen Kompositionen. Dazu passt auch, dass Bärtsch, als er vor einigen Jahren in eine neue Wohnung zog, aus seiner Musik-Sammlung von Hunderten von Vinylplatten und CD nur gerade zwanzig Tonträger zurückbehielt - Aufnahmen von Idolen wie James Brown, Morton Feldman oder Igor Strawinsky.
Dennoch beruht die stilistische Kontur des Zenfunk nicht auf einer Scheuklappen-Methodik des Ausgrenzens. Vielmehr wird versucht, Erfahrungen im urbanen Resonanzraum musikalisch zu verwerten. Aufgewachsen in der Stadt, erklärt Bärtsch, sei er mit verschiedensten Sounds konfrontiert worden - mit Blasmusik, Klassik, Rock, Jazz, Techno; auch mit Lärm. Von dieser urbanen Kakophonie oder Symphonie wolle er sich nicht abwenden durch irgendeine musikalische Esoterik. Vielmehr gehe es darum, sich nicht zu verlieren, die Kräfte zu bündeln, um gelassen und aufgeräumt städtisches Tempo und mannigfaltige Reize künstlerisch zu kontrollieren.
Im Zenfunk werden Energien komprimiert, es handelt sich gewissermassen um ein Konzentrat unterschiedlicher Spielweisen: Von der Volksmusik versuche man die Unmittelbarkeit des musikantischen Spiels zu übernehmen, sagt Bärtsch, vom Pop die Prägnanz, vom Jazz die Freiheit der Improvisation und schliesslich von der Klassik das formale Bewusstsein. Bärtsch entwickelt seine Musik in einer Kombinatorik rhythmischer Patterns, die gleichzeitig auch die Montage harmonischer oder melodischer Einheiten steuert. Der Loop erweist sich zwar immer wieder als strukturbildendes Verfahren, mit der Wiederholung aber kontrastieren eine feine klangliche und vor allem rhythmische Variierung. Die Akzente wandern, so dass die federnde Polyrhythmik gleichsam zu schillern und zu schweben beginnt.
Ein fruchtbarer Dialog
Um das Hörerlebnis nicht vorneweg zu beeinflussen, überschrieb Bärtsch seine Stücke zuerst statt mit einem Titel einzig mit der Angabe ihrer zeitlichen Dauer. Aus praktischen, kommunikativen Gründen behilft er sich unterdessen mit dem Begriff des Moduls, den er jeweils mit einer Werknummer versieht. Mit Modulen sind dabei nicht nur musikalische Grundmuster, die rhythmischen Patterns, gemeint, sondern auch feste modulare Gefüge. Oft sind die Module durchaus geschlossen in ihrer Struktur - zum Beispiel «Modul 32» auf «Stoa». Andere wiederum - beispielsweise «Modul 36» am Anfang des neuen Albums - bestehen aus unterschiedlichen Sequenzen, die langsam zur Einheit zusammengewachsen sind.
«Stoa» ist einerseits geprägt durch künstlerische Kontinuität. Ronin nämlich ist eine typische «Working-Band». Durch die Konstanz der Besetzung haben die Musiker ein rhythmisches Niveau erreicht, das an die feine Mechanik eines Uhrwerks denken lässt. Ihr musikalisches Einvernehmen indessen erinnert fast an familiäre Intimität. Ronin sei tatsächlich ein bisschen wie eine Familie, in der man Kinder und Partner ja auch nicht einfach austauschen würde, findet Bärtsch. Unterdessen verstehen sich die Musiker offenbar gleichsam schlafwandlerisch - sie haben gemeinsam eine Stilistik entwickelt.
Der Zusammenhalt ist so auch aus praktischen, aus ökonomischen Gründen bedeutend. Denn was für die Kollegen von Ronin selbstverständlich ist - einzelne Module beispielsweise oder der improvisatorische Umgang in den Details einer an sich notierten Musik -, müssten sich neue Partner erst einmal hart erarbeiten. Gerade die versuchsweise Kooperation mit neuen Musikern habe dies offenbart. Bärtsch allerdings weiss auch um die künstlerische Gefahr eines Kleinfamilien-Syndroms - deshalb sucht er den Kreis der «Eingeweihten» durch Workshops zu erweitern.
Als fruchtbaren Prozess eines musikalischen Austausches empfand Bärtsch nun die Zusammenarbeit mit dem neuen Label. Der ECM-Chef und Produzent Manfred Eicher habe ihn insbesondere klanglich auf neue Wege geführt. Nik Bärtsch war bisher für ein markiges und präzises Klavierspiel bekannt, in dem er Klischees der Jazztradition aussparte. Beeinflusst vom Jazzpianisten Lennie Tristano, kultivierte er in den herben Tenorlagen lineare Stringenz. Im Bass aber vermied er standardisierte Begleitakkorde zugunsten polyphoner Parts. Und um altertümelndes Geklimper tunlichst zu vermeiden, setzte in den hohen Register ein Fender Rhodes ein. Eicher nun habe ihm Mut gemacht, das Spektrum seines Instruments auszureizen. So wagte sich Bärtsch, durch den guten Flügel tatsächlich beflügelt, öfters hoch hinaus, wo die Töne in impressionistischen Momenten ebenso leuchteten wie in gradlinigen Patterns. Damit kann Bärtsch, der die klanglichen Nuancen des Pianos bis in Grenzbereiche beherrscht, seine Expressivität erhebliche erweitern.
Tiefenschärfe
Obwohl alte Qualitäten wie rhythmische Bravour und Konsequenz erhalten blieben, klingt die Musik von Ronin auf «Stoa» wie sanft aufgefrischt. In früheren Produktionen setzte man auf ein poppiges Klangbild und auf eine klangliche Abmischung, die eine Hör-Position innerhalb der Band simulierte. Das neue Album wirkt nun konzertanter, klassischer - als hätte man orchestralen Glanz in die kammermusikalische Intimität gebracht. Der rhythmische Schneid blieb dabei erhalten, die Klangmalerei indessen gewann an Finesse und Tiefenschärfe.
Ueli Bernays