| nik bärtsch press | Die Zeit online 1 | 04. 12. 2005

Ein japanischer Schweizer


Nik Bärtsch, Pianist und Komponist, gelangt zu musikalischer Kraft durch Wiederholung und asiatische Philosophie. Gerade spielte er beim Züricher Unerhört-Festival.
Ein Porträt samt Audio-Interview

Von Christian Broecking

Es geht um Codes, gemeinsame Erlebnisse, um Ironie im Umgang mit Zeichen, und darum, dass eine Band sich entwickelt, man voneinander lernt: Der Schweizer Pianist und Komponist Nik Bärtsch inszeniert mit seinen Bands Mobile und Ronin eine groove-orientierte Musik, bei der Struktur und Haltung zählt.

Mit höflicher Radikalität setzt sich Bärtsch von jenen konkurrierenden Musikerzirkeln ab, die seine Sounds als „Tee-Funk“ verspotten. Bärtsch selbst spricht da lieber von „Ritual Groove Music“. Jeden Montagabend kann man sein Netzwerk im Züricher Club Bazillus erleben, gerade trat Bärtsch beim Unerhört!-Festival in der Roten Fabrik auf. Nach sechs Alben in Eigenregie erscheint im Februar bei dem weltweit bedeutenden ECM-Label seine nächste Aufnahme.

Der 34-Jährige Pianist hat Philosophie und Linguistik studiert, vor zwei Jahren geriet ihm ein längerer Japanaufenthalt, den der gut dotierte Werkpreis der Stadt Zürich ihm ermöglicht hatte, zu einer großen spirituellen Bereicherung. Als er jünger war, hatte Bärtsch viel in so genannten Ad-hoc-Bands gespielt, mit – wie er heute sagt – meist unbefriedigenden Resultaten. „Wir haben eben eine andere Haltung, eine andere Philosophie als die Musiker in den achtziger Jahren“, sagt er. „Damals hat man gedacht, man müsse einfach mal ein paar Leute zusammenstellen, um zu schauen, was passiert, wie sich das entwickelt, wie man mit Freiheit umgeht, mit Macht – das interessiert uns aber heute nicht mehr.“

Neben „pragmatisch“ ist „organisch“ sein häufigstes Adjektiv – so will Bärtsch mit seinen Bands arbeiten, „mit einer großen Wachheit, mit Präsenz und Respekt füreinander“, nicht abgeschottet, sondern auf Fortkommen bedacht. „Listigen Pragmatismus“ nennt er das.

Man kenne das ja aus Japan, erläutert er, „dass der Gruppenspirit wichtiger sein kann als der Einzelne, und ich versuche nun in der Schweiz eine musikalische Gruppenidentität zu erschaffen, die, ganz pragmatisch eben, auch den Zusammenhang im Alltag betont, also das Leben mit unseren Familien, unseren Kindern und so.“

Er hat das seltene Glück, in einem Club regelmäßig auftreten zu können, die Leute kämen dahin, „und die Gruppe entsteht wie von selbst“. Den Schlagzeuger Kaspar Rast kannte Bärtsch schon als Kind, der Perkussionist Andi Putato stammt aus dem gleichen Viertel, und dessen Schwester ist inzwischen Kaspars Frau – da gibt es also private Verbindungen. Spätestens auf Tour holt sie der Musikeralltag ein. Dann gehe es darum, mit Stress und ökonomischem Druck umzugehen und auch Kritik einstecken zu können.

Bärtsch und seine Freunde können von der Musik leben, sie sind stolz darauf. Einige spielen noch in anderen Bands, arbeiten im Studio, er selbst schreibt auch Filmmusik, doch keiner ist im komfortablen Lehrbetrieb der Musikhochschulen tätig. „Diese fehlende ökonomische Absicherung gibt uns einen Spirit, den wir mit dem der Ronins vergleichen“, sagt Bärtsch. „Diese Samurais, die keinem Herren dienen, haben immensen ökonomischen Druck, sind aber wach und bereit für die interessanten Aufgaben, die sie finden und denen sie sich immer wieder stellen müssen.“

Er versuche seine Bands auf die freie Marktwirtschaft einzustellen, die Einnahmen aus den CD-Verkäufern investiere er in die Entwicklung neuer musikalischer Projekte – „wir versuchen dabei eine Mischrechnung zu fahren, nur Spirit, Vision und Utopie – das reicht nicht, es muss auch eine ökonomische Basis da sein, und die ist auch möglich“, sagt er.

Der Groove, der Beat, habe ihn schon immer interessiert. Dass Groove schnell unter Mainstream-Verdacht steht, stört Bärtsch nicht. Im Gegenteil: „Alle Leute, die bei uns mitspielen, haben keine Berührungsängste mit der populären Musik, ihnen geht es darum, in dem jeweiligen Genre so gut und intelligent wie möglich zu arbeiten.“

Anfangs sind Bärtsch und seine Mitmusiker als New Left bezeichnet worden, weil ihre Musik sowohl gegenüber der Free-Jazz-Bewegung als auch gegenüber dem Mainstream neu erschien – fern von der 68- oder 80er- Haltung des Musikmachens, frisch und jung eben. „Abgesehen davon, was aus der New Left nun politisch geworden ist, hielt ich das für eine ganz schöne Bezeichnung für den Beginn von etwas Neuem, von kreativer Groove-Musik“, sagt Bärtsch. Aber wichtiger als die Richtung ist ihm die Zeremonie: „Das Rituelle ist mir persönlich sehr wichtig – ich mag Rituale, weil sie uns dazu verhelfen, tolerant und verbindlich zu sein.“

Hören Sie unsere Audiodatei, in der zunächst Nik Bärtsch über die Ritual-Groove-Musik spricht und dann sein Publikum über ihn, befragt von Christian Broecking auf dem Zürcher Unerhört-Festival Ende November 2005.

Das Stück Modul 23 von Nik Bärtsch´s Ronin ist komponiert und arrangiert von Nik Bärtsch. Das Album heißt Rea.

© ZEIT online 04.12.2005